Democratic Post

Kritische Texte und kontroverse Meinungen

Leitartikel Missbrauch in Therapien

10 % sexueller Missbrauch in Therapie und Beratung sind sicher. Die Dunkelziffer ist erschreckend hoch!

Sexueller Missbrauch in Therapien

Deutschland, anno 2015: Sexueller Missbrauch in Therapien und Beratungen sind keine Seltenheit, im Gegenteil. Verschiedene Untersuchungen zum sexuellen Missbrauch in Therapien kommen im Durchschnitt zu dem Ergebnis, dass etwa 10 % der Therapeuten zumindest einmal in ihrer Berufslaufbahn sexuellen Kontakte mit Klientinnen haben. Die Dunkelziffer liegt gemäß Schätzungen bei 20% bis 30%. In der Regel trifft es die Frauen, ca. zu 90 Prozent.

Vorwort

Dieses Thema anzufassen stellte sich als komplexer und umfangreicher dar, als von mir erwartet. Darum möchte ich an dieser Stelle klarstellen, dass ich möglichst objektiv und umfassend über einen Umstand berichten möchte, ohne einen ganzen Berufsstand zu denunzieren. Es liegt mir auch fern die wertvolle Arbeit, der in Deutschland niedergelassenen Psychiater, psychologischen Psychotherapeuten, Psychologen im Allgemeinen sowie Kinder- und Jugendlichen-Therapeuten, in irgendeiner Form abzuwerten.

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Dennoch gibt es, wie in fast allen Berufszweigen, auch sogenannte „Schwarze Schafe“ und vor denen dürfen wir nicht die Augen verschließen. Das sind wir deren Opfern schuldig. Darum stellt sich mir die Frage: Warum die Strafrechtsreform der Paragraphen 174c und 179 StGB nicht gebracht hat.
Im folgenden Artikel schreibe ich immer nur von männlichen Psychotherapeuten und weiblichen Patientinnen. Das gegengeschlechtliche Pendant ist in beiden Fällen selbstverständlich inkludiert. Die Majorität der Fälle, welche bekannt sind, bezieht sich auf Missbrauch durch männliche Behandler und weibliche Opfer!

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Grundlagen der Beratungs- und Behandlungsformen

Zunächst wäre einmal zu klären, wovon wir hier überhaupt sprechen: Das Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) in Deutschland differenziert seit dem 1.1.1990 in § 1 Abs.3, S.3 zwischen beratender (= angewandter) und heilkundlicher (=Psychotherapie) Psychologie. Bis vor der Einführung des Psychotherapeutengesetzes oblag es lediglich Ärzten mit einer psychologischen Zusatzausbildung

Die beratende Psychologie (auch: nichtheilkundliche Psychologie, englisch counsel(l)ing psychology) ist ein Arbeitsgebiet der angewandten Psychologie. In Deutschland wird sie nach § 1 Abs. 3 S. 3 des Psychotherapeutengesetzes streng von der heilkundlichen Psychologie (Psychotherapie) unterschieden. In Österreich und der Schweiz verhält es sich ähnlich, auch wenn die dortigen gesetzlichen Regelungen im Detail abweichen.

Der Begriff „Psychotherapeut“ ist gesetzlich geschützt. Wer die Berufsbezeichnung Arzt (Psychiater), psychologischer Psychotherapeut oder Kinder- und Jugendlichen-Therapeut führt, hat eine mindestens siebenjährige Aus- und Weiterbildung hinter sich (§5, PsychThG) zwecks Erwerb der Approbation und einer Kassenzulassung. Nur diese Berufsgruppe darf ihre Leistungen mit der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abrechnen.

Der Begriff „Psychotherapie“ hingegen ist nicht gesetzlich geschützt und darf darum von vielen behandelnden und beratenden Berufsständen verwendet werden.
Das Psychotherapeutengesetz definiert die Psychotherapie als wissenschaftlich anerkanntes Verfahren zur Feststellung, Heilung und Linderung von Störungen und psychischen Erkrankungen, die behandlungsbedürftig sind.

Die beratende Psychologie (Definition siehe oben), die auch nichtheilkundlich und angewandt  bezeichnet wird, hilft bei der Lösung von Problemen und sozialen Konflikte. Diese Tätigkeit üben zum Beispiel häufig Heilpraktiker mit einer Zusatzausbildung zum NLP-Master (Neuro Linguistisches Programmieren) aus. Ferner firmieren auch viele Berater/Innen als sogenannte Familienberater und ähnliches.

Historie

Ende des 19. Jahrhunderts mahnte der Ur-Vater der Psychotherapie und -analyse, Sigmund Freud, seinen Schüler, C. G. Jung, zur Abstinenz gegenüber einer von dessen Patientinnen. Jedoch ohne Erfolg. Freud selbst gestand zu Lebzeiten, mehr als einmal nur ganz knapp der Versuchung entkommen gewesen zu sein.

Dr. med. Sigmund Freud (Wien, 1921): Vater der Psychoanalyse

Dr. med. Sigmund Freud (Wien, 1921): Vater der Psychoanalyse

US-amerikanische Untersuchung

Bereits 1990 berichtete der SPIEGEL in seiner Ausgabe Nr. 28 über die Therapeuten und die  „Missbrauchte Gefühle“ ihrer überwiegend weiblichen Patientinnen. (Anm. d. Redaktion: Im Zitat wird von Patientinnen gesprochen; die männlichen Opfer sind natürlich inkludiert.)

 Freimütig räumten in Amerika anonym ausgeforschte Psychiater, Ärzte und Psychologen in einer Zahl Intimkontakte zu Patientinnen ein, die den Berufsstand alarmiert – in einer Untersuchung 6, in einer anderen gar 13 Prozent der Befragten. Besorgt registrierte das State Licensing Board, daß sich die Klagen bedrängter oder mißbrauchter Frauen von Anfang bis Mitte der achtziger Jahre mehr als vervierfachten.

Statistik in Deutschland

Wie es seinerzeit in den 1990er Jahren in Deutschland mit dem Fehlverhalten der Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten bestellt war, konnte niemand sagen.

Zu jener Zeit gab es keine rechtliche Grundlage im Strafgesetzbuch, der diese Form der Machtausübung eines Arztes gegenüber seiner abhängigen Patientin als Straftat klassifiziert hätte. Lediglich der § 179 StGB verbot sexuelle Handlungen an Widerstandsunfähigen, wobei der Gesetzgeber eher geistig behinderte Menschen in Einrichtungen und stationär behandelte Patientinnen einer Psychiatrie bedachte.

Ambulant betreute Patientinnen wurden gesetzgebend nicht bedacht. Aber selbst wenn dem so gewesen wäre, dann hätte immer noch die Beweisbarkeit im Raum gestanden. Genau wie in Vergewaltigungsprozessen stand es bisher Aussage gegen Aussage und die gut ausgebildeten Therapeuten erklärten, dass die Anschuldigung ihrer Patientinnen auf deren neurotischen Phantasie zurückzuführen gewesen seien.

Gut drei Jahre später erschien die Ausgabe Nr. 35/1993 des SPIEGEL mit dem Titel „Therapie & Sex – Missbrauch auf der Couch„; auf dem Cover thronte Sigmund Freuds Antlitz. Der Anreißer der Titelstory „Meine Seele in seiner Gewalt“ lautete wie folgt:

Sie suchen Hilfe, werden abhängig und leiden schwer unter den Folgen: Frauen, die von Therapeuten sexuell mißbraucht werden. Jetzt brechen Patientinnen ihr Schweigen. Politiker fordern harte Strafen.

In diesem soeben erwähnten Artikel wurde ein Hamburger Missbrauchsfall zwischen einer wohlsituierten Patientin – aus dem angesehenen Westteil der Stadt stammend – und ihrem Promi-Psychotherapeuten, welcher bei Polit-Prominenz und anderen Sternchen ein und ausging, geschildert. Unter der Änderung ihrer Identitäten wurde vom Mut einer misshandelten Frau berichtet, welche sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihrem Psychotherapeuten befand und dieser einer von den mittlerweile bis heute 10 Prozent schwarzen Schafen seiner Zunft gehörte.

Erstmals traute sich eine geschlagene und gedemütigte Patientin eine Polizeistation aufzusuchen, um eine Strafanzeige gegen ihren Seelendoktor zu stellen und ihre Erfahrungen publik zu machen.
Seinerzeit verhielt es sich mit sexuellem Missbrauch im Psychotherapiebereich genauso wie im Falle von Vergewaltigungen. Von Seiten der Exekutive und Judikative wurde Frauen häufig unterstellt, dass sie den Täter provoziert oder verführt hätten.

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Über den Autor
Nicole HahnHerausgeberin und Redakteurin

wurde 1962 in Hamburg geboren. Sie gründete im Juli 2015 zusammen mit Andreas Hecht die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion.

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