Democratic Post

Kritische Texte und kontroverse Meinungen

Leitartikel Missbrauch in Therapien

10 % sexueller Missbrauch in Therapie und Beratung sind sicher. Die Dunkelziffer ist erschreckend hoch!

Die Rechtliche Grundlage

Erst im Wintersemester 1998/99 beschäftigte sich die Universität Tübingen, die Juristische Fakultät unter den Professoren Dr. Günther, Dr. Dr. Kühl und Dr. Weber im Rahmen eines Seminars mit dem Thema „Das 6. Strafrechtsreformgesetz“. Man befasste sich speziell mit Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, §§ 174c, 179 StGB.

d) Ergebnis und Zusammenfassung der Rechtsgutproblematik
Sinn und Zweck von § 174c ist es, die Personen, die aufgrund ihres behandlungsbedürftigen
Zustandes in ihrer natürlichen Widerstandsfähigkeit eingeschränkt sind, bzw. die von fremder
Hilfe und Betreuung abhängig sind, in ihrer Freiheit zu schützen und dabei zu verhindern, daß
deren konkrete Situation der Behandlungsbedürftigkeit im Rahmen eines der in § 174c ge-
nannten Behandlungsverhältnisse zweckwidrig dazu ausgenutzt wird, einen ansonsten – bei
Nicht-Behandlungsbedürftigen – vorhandenen Widerstand zur Vornahme von sexuellen
Handlungen zu überwinden oder zu umgehen.

Als taugliche Täter einer Straftat kommen nach § 174c StGB alle beratenden, betreuenden und therapierenden Berufsgruppen in Betracht. Für die Strafwürdigkeit kommt es daher nicht darauf an, über welche berufliche Qualifikation der Täter verfügt, sondern allein darauf, ob das Opfer dem Täter „zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut“ ist. Es spielt keine Rolle, ob eine Patientin diesen Berufsgruppen übereignet wurde oder ob der Hilfebedürftige sich eigens und freiwillig in die Hände eines Psychotherapeuten, Psychologen oder Beraters begeben hat. Mit dieser Reform auf selbstbestimmte Sexualität von Psychotherapie-Patientinnen – auch ambulant betreute – macht sich der Therapeut, der das Abstinenzgebot nicht achtet, strafbar.

d) Zusammenfassung zu den Tatbestandsmerkmalen
Das Tatopfer muß sich aufgrund intellektueller oder psychischer Leiden oder Suchtkrankheit
in einem Beratungs-, Behandlungs-, Betreuungs- oder Therapieverhältnis befinden und sich
dabei – unabhängig von der konkreten Funktion – in der Obhut des Täters befinden. Es muß
zur Vornahme von sexuellen Handlungen kommen und dies muß sich als mißbräuchlich dar-
stellen. Das ist dann der Fall, wenn der Täter hierfür sich seiner aufgrund des Behandlungs-
verhältnisses begründeten Vertrauensstellung bewußt ist, diese ausnutzt und durch die sexu-
elle Handlung zugleich die sexuelle Freiheit des Opfers verletzt.

Die Problemfälle waren immer die Fälle mit dem Einverständnis der Opfer. Es ist für die Strafbarkeits- frage hinsichtlich der vermeintlicher Täter nach § 174c vollkommen irrelevant, ob der Patient mit den sexuellen Handlungen einverstanden war oder ist, ob die Initiative hierzu vom Täter ausging oder konsequenterweise auch, ob es sich um eine echte – gleichfalls auf einem Einverständnis des Opfers beruhenden – Liebesbeziehung handelt oder nicht. Nur bei nachweislich eigenständiger Beurkundung des sogenannten Opfers, das es sich um eine freiwillige und selbst gewünschte sexuelle Handlung handelt bzw. handelte, ist Straffreiheit gegeben. Diese Umstände werden aber einer sehr genauen psychologischen Prüfung des Gerichts unterzogen.
Diese Strafrechtsreform der §§ 179 und 174c wurde im Anschluss des Seminars rechtskräftig.

Strafgesetzbuch (StGB) § 174c Sexueller Mißbrauch unter Ausnutzung eines Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses
(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm wegen einer geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung einschließlich einer Suchtkrankheit oder wegen einer körperlichen Krankheit oder Behinderung zur Beratung, Behandlung oder Betreuung anvertraut ist, unter Mißbrauch des Beratungs-, Behandlungs- oder Betreuungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer Person, die ihm zur psychotherapeutischen Behandlung anvertraut ist, unter Mißbrauch des Behandlungsverhältnisses vornimmt oder an sich von ihr vornehmen läßt.
(3) Der Versuch ist strafbar.

Erste Anzeichen eines sexuellen Missbrauchs

Der bff: – Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V. in Berlin teilt auf seiner Website mit, dass verschiedene Untersuchungen ergeben hätten, dass mindestens 10% aller in Deutschland arbeitenden Psychotherapeuten/Innen einmal in ihrem Berufsleben sexuelle Kontakte zu ihren Klienten (m/w) haben würden – und die Dunkelziffer würde bei 20 – 30 % liegen. Das würde bedeuten, dass die gebietende Abstinenzregel in gut einem Viertel der Fälle nicht eingehalten wird.

Die Psychotherapeutenkammer NRW (Nordrhein-Westfalen) beschreibt sowohl das Patientinnen-Arzt-Verhältnis sehr anschaulich, die Patienten/Innen-Rechte, sowie den Ablauf einer psychotherapeutischen Heilbehandlung. Hier steht auch die eindeutige Aussage über das Abstinenzgebot des psychotherapeutischen Behandlers geschrieben. Die Dauer dieses soeben erwähnten Gebots scheint nicht einheitlich geregelt zu sein, denn in Nordrhein-Westfalen ist es mindestens ein Jahr und in Schleswig-Holstein drei Jahre.

Der Hauptgründe für die hohe Dunkelziffer sind die Scham und ihre psychische Abhängigkeit von ihrem Peiniger, die die meist weiblichen Opfer davon abhält eine Strafanzeige zu stellen, denn sie würden sich damit ja auch „outen“ als hilflos und unterdrückt. Eine gewisse sexuelle Hörigkeit ist bei den zumeist weiblichen Opfern auch nicht auszuschließen.

Sowohl das Bff: also auch das DIPT – Deutsches Institut für Psychotraumatologie beschreiben sehr ausführlich, welche erste Anzeichen des (sexuellen) Missbrauchs es zu beachten gilt.
Man verdeutliche sich nur, dass psychisch Kranke sich in die Obhut eines qualifizierten Behandlers begeben, welches sehr viel Mut und Vertrauen erfordert. Zwischen Therapeut und Patientin muss ein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden, damit die Behandlung von Erfolg gekrönt sein kann. Zu der seelischen Öffnung, zu der eine Patientin irgendwann gelangen sollte, macht sie auch schutzlos und angreifbar. Wenn dann der Therapeut, der Vertraute in intimsten Lebenslagen, diese Situation für sich ausnutzt, dann kommt dieser Akt einer Kindesmisshandlung gleich.

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Hier gibt es Hilfe – seelisch und rechtlich

Nicht nur bei den eben erwähnten Institutionen – bff: – Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe – Frauen gegen Gewalt e.V und DIPT – Deutsches Institut für Psychotraumatologie erhalten alle Hilfesuchenden anonymen und nicht-anonymen Rat in schriftlicher oder mündlicher Form; auch der Gesundheitsladen Köln e.V. bietet

Wer juristische Unterstützung sucht findet diese auf der Homepage von Anwalt.de.

Nachwort

Für Ihr Durchhaltevermögen und die Verdauung dieser schweren Kost danke ich an dieser Stelle. Sollte Ihr Wissensdurst bezüglich dieses Themas noch nicht gestillt sein, dann empfehle ich Ihnen unseren Artikel über das Thema „Depressionen“ meines Kollegen Andreas Hecht, welchen Sie auch in der deutschen Ausgabe der Huffington Post finden können.

Ich würde mich über kritische Rückmeldungen – positiv oder negativ – in Form von Kommentaren sehr freuen. Alle Statements werden von mir beantwortet.

Quellen:

Universität Thübingen – Juristische Fakultät, Strafrechtliches Seminar zum Thema „Das 6. Strafrechtsreformgesetz“ Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, §§ 174c, 179 StGB, Thübingen Januar 1999. https://www.jura.uni-tuebingen.de/professoren_und_dozenten/kuehl/materialien/forschung/sexsb_2.pdf

Wikipedia: Machtmissbrauch in der Psychotherapie; https://de.wikipedia.org/wiki/Machtmissbrauch_in_der_Psychotherapie

Wikipedia: Beratende Psychologie; https://de.wikipedia.org/wiki/Beratende_Psychologie

Wikipedia: Sigmund Freud; https://de.wikipedia.org/wiki/Sigmund_Freud

Deutsches Ärzteblatt, PP7 – Ausgabe Oktober 2008, Seite 463; http://www.aerzteblatt.de/archiv/61895/Sexuelle-Uebergriffe-in-therapeutischen-Beziehungen-Mehr-Aufklaerung-gefordert

Der SPIEGEL Nr. 28 vom 09.07.1990: Therapeuten – Mißbrauchte Gefühle; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13500678.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=sex%20zwischen%20therapeut%20und%20klient&source=web&cd=8&ved=0CDgQFjAHahUKEwjp9_fNhevGAhWKvhQKHfZBCnM&url=http%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fspiegel%2Fprint%2Fd-13500678.html&ei=iJytVemTD4r9UvaDqZgH&usg=AFQjCNHDgBh9KnaiDbaKol7Xfsirw_W4Xg

Der SPIEGEL Nr. 35 vom 30.08.1993: Meine Seele in seiner Gewalt; http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13691781.html#spRedirectedFrom=www&referrrer=http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=therapeuten%20missbrauch&source=web&cd=6&ved=0CCkQFjAFahUKEwi3wobapuvGAhWGWxQKHeNfB2E&url=http%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2Fspiegel%2Fprint%2Fd-13691781.html&ei=PL-tVbe0AYa3UeO_nYgG&usg=AFQjCNHMzx4G0vZiLs6NnTin_UzDvhdFcA

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz – juris: Strafgesetzbuch (StGB), § 174c;
http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__174c.html

Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz – juris: Strafgesetzbuch (StGB), § 179;
http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__179.html

[werner stangl]s arbeitsblätter: Hörigkeit, Abhängigkeit, Beziehungssucht: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/SUCHT/Beziehungssucht.shtml

DIPT – Deutsches Institut für Psychotraumatologie: Informationen und Hilfeleistung; http://psychotraumatologie.de/missbrauch/erkennen.html

Psychotherapeutenkammer NRW: https://www.ptk-nrw.de/de/patienten/patientenrechte.html

bff: Frauen gegen Gewalt e.V.: https://www.frauen-gegen-gewalt.de

Anwalt.de: http://www.anwalt.de/rechtstipps/folgen-der-verletzung-des-abstinenzgebotes-in-der-psychotherapie_044379.html

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Inhaltsverzeichnis

Über den Autor
Nicole HahnHerausgeberin und Redakteurin

wurde 1962 in Hamburg geboren. Sie gründete im Juli 2015 zusammen mit Andreas Hecht die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion.

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