Democratic Post

Kritische Texte und kontroverse Meinungen

Meinung Legalisierung der Prostitution

Amnesty International fordert: Legalisierung der Prostitution

Wer hätte gedacht, dass Amnesty International sich dem ältesten Gewerbe der Welt annimmt und die Legalisierung der Prostitution im Sinne einer Tätigkeit im „normalen“ Dienstleistungssektor. Nach einer umfangreichen Untersuchung mit Sexarbeiterinnen der unterschiedlichsten Nationalitäten, welche interviewt und beraten wurden, legte die Organisation für Menschenrechte folgende Grundlage fest: Es muss unbedingt zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Sexarbeit differenziert werden.

Resolution der Internationalen Ratstagung (ICM)

Vor zwei Tagen, am 12. August 2015, tagte der internationale Vorstand der Menschenrechtsorganisation, Amnesty International, in Dublin und ging aus dieser Zusammenkunft mit einer ungewohnten Resolution hervor. Salil Shetty, Amnesty-Geschäftsführer seit 2010, verkündete hierzu folgendes:

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„Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter gehören überall auf der Welt zu den schutzbedürftigsten Gruppen der Gesellschaft. Sie befinden sich in den meisten Fällen in ständiger Gefahr, Opfer von Diskriminierung, Gewalt und Missbrauch zu werden. Jetzt hat unsere weltweite Bewegung den Weg für eine Position unserer Organisation zum Schutz der Menschenrechte von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern geebnet, die richtungsweisend für die zukünftige Arbeit von Amnesty International zu diesem Thema sein wird“

Shetty betonte auch, dass es ihm und den Ratsmitgliedern durchaus bewusst sei, dass dieses ein sehr komplexes Thema ist und Amnesty es daher vornehmlich vom internationalen Standpunkt der Menschenrechte angehen wird.

Die Amnesty-Forderung besteht nicht nur auf die Legalisierung der Prostitution, sondern auch auf die umfassende Entkriminalisierung aller sexuellen Beziehungen zwischen Erwachsenen, die gegen Entgelt und auf Einvernehmlichkeit beruht.

Mit dieser Aktion will die Organisation erreichen, dass SexarbeiterInnen in aller Welt diskriminierungsfrei und geschützt vor Ausbeutung, Gewalt und Menschenhandel sind und ihrem Gewerbe nachgehen können. Aus diesem Grund fordert die Organisation weltweit alle Staaten auf, die Resolution in ihren Gesetzen umzusetzen.

Amnesty International wäre nicht Amnesty International, wenn es sich vor der Resolution nicht die Mühe gemacht hätte, weltweit unzählige SexarbeiterInnen zu interviewen und ausführliche Gespräche über deren Arbeit zu führen. Dabei würden Arbeitsumstände und Wünsche von den betroffenen SexarbeiterInnen geäußert, die bei Amnesty auf nicht-taube Ohren stießen.

Hierbei muss unbedingt zwischen Zwangsprostitution und freiwilliger Sexarbeit gegen Bezahlung differenziert werden! Amnestys Ziel ist es auf diese Weise die Zwangsprotitution leichter zu enttarnen und langfristig auszurotten, da die betroffenen SexarbeiterInnen nicht mehr kriminalisiert werden. Amnesty macht sich damit nicht indirekt zum Freund des Zuhälters, ganz im Gegenteil!

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Die Geschichte von Amnesty International

Amnesty International existiert seit 1961 – gegründet in London von einem britischen Rechtsanwalt namens Peter Benenson († 2005) – als Zusammenschluss von Aktivisten, der sich vornehmlich um die Einhaltung der Menschenrechte weltweit kümmert. Amnesty ist eine nicht-staatliche (NGO = Non-Government-Organisation) und eine Non-Profit-Organisation, für die viele ihrer Mitlgieder-Aktivisten weltweit hauptsächlich in Krisen- und Kriegsgebieten der Welt unterwegs sind.

Amnesty ist ein mächtiges Instrument mit mehr als 7 Millionen Mitgliedern und Unterstützern/Innen in über 150 Ländern der Welt. Es ist organisiert in Strukturen und Sektoren, deren laufende Arbeit von einem – durch die Mitflieder – selbst gewählten Vorstand übernommen wird.

Das oberste Gremium ist die alle zwei Jahre stattfindende Ratstagung, zu welcher die Sektoren ihre gewählten Delegierten entsenden. Auf dieser Ratstagung wird die künftige Marschroute von Amnesty festgelegt und der internationale Vorstand (international executive komitee) bestimmt, der von London aus die internationalen Geschäfte führt und den internationalen Geschäftsführer bestimmt. Die Amnesty-Struktur gleicht einer Top-Down-Organisation.

Wofür Amnesty International steht

Die Forderung hinterfragt

Das älteste Gewerbe der Welt und die Moral

Seien wir mal ehrlich, liebe Damen, indirekt müssen wir dem horizontalen Gewerbe doch dankbar sein! Was würde passieren, wenn es die käuflichen Frauen nicht mehr gäbe? Würde dann die Rate der Vergewaltigungen nicht in die Höhe schnellen?!

Wir leben im aufgeklärten und moderen Europa und Prüderie ist in Zeiten von „Sex sells“ nicht mehr angesagt. Diese Umstände haben wir in Deutschland der 1968er-Generation und der Frauenbewegung – allen voran die Leitfigur Alice Schwarzer – zu verdanken.

Dennoch denken viele Menschen immer noch in der vom vorherrschenden Patriarchat gewünschten Doppelmoral: Demzufolge gibt es „anständige“ Frauen und solche, die sich auf das sogenannte  „Schlampen-Niveau“ herablassen. Es ist von der Gesellschaft gewünscht, dass Frauen sich derart gruppieren, um deren sexuelles Verhalten besser kontrollieren zu können.

Dabei möchte ich nicht wissen, wieviele sogenannte „anständige“ Frauen, verheiratet oder nicht, sich vor dem Sex mit dem Ehemann oder Partner indirekt bezahlen lassen, etwa durch Pelze, Schmuck oder auch Bargeld. Das kommt auch heute noch in den besten Familien vor, wird aber unter den Teppich gekehrt. Eben doppelmoralisch. Worin unterscheiden sich diese anständigen Frauen noch einmal von einer SexarbeiterIn? Letztere ist ehrlicher!

SexarbeiterInnen unterscheiden sich lediglich durch die Ware – körperlicher Sex. Ansonsten macht es keinen Unterschied, ob sich in Bangladesh Näherinnen gezwungen sehen, sich ausbeuten zu lassen, um ihre Familie vor dem Hungertod zu retten. Das gleiche Motiv haben auch Prostituierte in Thailand. Auch hierzulande sind Arbeitskräfte direkt oder indirekt sozialen Zwängen ausgesetzt

Moralisch sollte jeder sich dahingehend fragen, ob ein Freier, der sich die Dienste einer offensichtlich gewaltsam gezwungenen Prostituierten erkauft, sich nicht als Vergewaltiger strafbar macht? Hier sollten wir einen Blick nach Skandinavien, vor allem nach Schweden, riskieren. Die Schweden handelten vollkommen entgegengesetzt der Amnesty-Resolution vom vergangenen Montag.

Amnesty International stärkt die Menschenrechte der SexarbeiterInnen

Das ist meines Erachtens längst überfällig!

Frauen, die sich, aus freiem Entschluss und ohne Gewalt und Zuhälterei, dazu entschließen mit der Dienstleistung „Geschlechtsverkehr“ ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, müssen dieses ohne Strafverfolgung tun dürfen. Das zeichnet eine tolerante und moderne Gesellschaft aus.

Auf der Seite von Zeit Online äußerte sich vorgestern ausgerechnet Alice Schwarzer sehr kritisch:

Auch Frauenrechtlerinnen üben weltweit scharfe Kritik an dieser Forderung. So auch die deutsche Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. „Wenn Amnesty jetzt für die Legalisierung ‚der Organisation von Sexarbeit‘ kämpft, so wörtlich, bedeutet das: Amnesty bestärkt Frauenhändler, Zuhälter und Bordellbetreiber – und liefert damit die Mädchen und Frauen in der Prostitution noch mehr aus“, sagte Schwarzer ZEIT ONLINE. Amnesty schlage sich so „auf die Seite der Täter – auf Kosten der Opfer“.

Weiter behauptet Alice Schwarzer, dass die Prostitution und der Menschenhandel in Deutschland erst recht zum Blühen käme und Amnesty International mit dieser Resolution weltweit untergehen würde.

Sorry, Alice Schwarzer, aber leider haben Sie die Intention dieser Resolution nicht verstanden!

Aller Feminismus und Emanzipation der 1970er Jahre in Ehren, aber ich hoffe, dass wir uns seither weiter entwickelt haben. Hier geht es nicht darum, Menschenhandel und Zuhälterei zu legalisieren, sondern die freiwillige Arbeit von SexarbeiterInnen aus der Zone der Strafbarkeit und Illegalität zu holen!

… und das ist auch gut so!

Oder möchten Sie immer mit einem Fuß im Knast arbeiten?

Quellen:

Zeit Online: Sex ist auch nur eine Dienstleistung; http://www.zeit.de/kultur/2015-08/prostitution-legalisierung-amnesty-international-kommentar; Amnesty International: „Es geht um das Wohl von Sexarbeiterinnen“: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-08/alice-schwarzer-amnesty-international-prostitution

Huffington Post, Deutschland: Prostitution weltweit: Diese umstrittene Entscheidung von Amnesty sorgt für heftige Reaktionen; http://www.huffingtonpost.de/2015/08/11/amnesty-international-prostitution_n_7974478.html

YouTube: Amnesty International – Die Dokumentation (WDR): https://www.youtube.com/watch?v=ZZubbojjB5Q; Legalize prostitution & The Sex Trade! – Amnesty International: https://www.youtube.com/watch?v=Qu_WvgrnfPE

Wikipedia.org: Amnesty International; https://de.wikipedia.org/wiki/Amnesty_International

The New York Times: Europe – Amnesty International Votes for Policy Calling for Decriminilization of Prostitution; http://www.nytimes.com/2015/08/12/world/europe/amnesty-international-votes-for-policy-calling-for-decriminalization-of-prostitution.html?_r=1

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Über den Autor
Nicole HahnHerausgeberin und Redakteurin

wurde 1962 in Hamburg geboren. Sie gründete im Juli 2015 zusammen mit Andreas Hecht die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion.

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