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Essay Menschenfeindlichkeit

Der deutsche Osten: Warum er die Brutstätte der Rassisten ist

Der deutsche Osten: Die Brutstätte der Rassisten

Gerade im deutschen Osten gedeiht der Rassismus besonders gut. | Screenshot aus der Doku Verräter.

Warum greifen der Rassismus und die rechte Gesinnung gerade im Osten um sich? Was lässt die Menschen dort so voller Hass auf alles Andersartige werden? Niemand wird als Rassist oder Neonazi geboren, es muss eine Entwicklung stattgefunden haben.

Freital und Heidenau waren nur die letzten Glieder der Kette von Hass auf alles Fremde. Schon vorher war der Osten führend in Gewalttaten, rassistisch motivierten Morden und angezündeten Flüchtlingsunterkünften. Der Brutale Hass entlädt sich in den östlichen Bundesländern wesentlich heftiger als im Westen.

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Der deutsche Osten: Rassistisch motivierte Gewalttaten steigen stark an

Die reine Zahl der rassistisch motivierten Gewalttaten ist im Jahre 2014 um 40 Prozent angestiegen. Über die Hälfte hiervon in den neuen Bundesländern, die jedoch nur 17 Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung stellen. So betrachtet ist der Anstieg enorm. Die Taten haben freilich nicht mit der Anzahl der aufgenommenen Flüchtlinge zu tun, denn Sachsen als Beispiel nimmt bedeutend weniger Flüchtlinge auf als andere Bundesländer.

Die Taten haben also eindeutig etwas mit den Tätern zu tun. In Sachsen leben eben wesentlich mehr stark gewaltbereite Neonazis, deren einzige Verlangen Gewalt, Terror und die Verbreitung von Angst und Schrecken ist. Alles, was auch nur im Ansatz anders ist, wird bekämpft oder eingeschüchtert, wie es dem Tröglitzer Bürgermeister Markus Nierth passierte. Um seine Familie zu schützen, trat er von seinem Amt zurück.

Der Ausländerhass schlägt an vielen Orten in Sachsen in Gewalt um. Freital, Meißen, Freiberg, Hoyerswerda und Böhlen kennt mittlerweile fast jeder Deutsche, so heißen die Orte, in denen es zu Gewalttaten kam.

Der Terror gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsheime. Sachsen dominiert.

Der Terror gegen Flüchtlinge und Flüchtlingsheime. Sachsen dominiert. Ein Klick öffnet die komplette Karte.

Darum entbrennt der Hass besonders im Osten

Gleich nach der Wende nahm man an, dass die Ostdeutschen weitgehend immun gegen den Rechtsextremismus seien. Die DDR galt als antifaschistischer Staat und als Egalitär. Im kapitalistischen Westen wurde ein beachtlicher Konkurrenzdruck aufgebaut und es hatten sich gravierende Ungleichheiten etabliert unter den Bevölkerungsschichten.

Das Leben unter planwirtschaftlichen Bedingungen erschien halbwegs solidarisch und war durch staatliche Fürsorge geprägt. Der staatlich verordnete Antifaschismus jedoch hatte fatale Konsequenzen, die sich schnell in das Gegenteil verkehrten.

Denn rechtes Gedankengut und autoritäre Denkmuster haben sich über Generationen hinweg gehalten und wurden als „Familientradition“ weiter an den Nachwuchs vermittelt. Die ostdeutsche Mentalität unterscheidet sich zum Tel stark von der westdeutschen, auch wenn man und weismachen will, dass Ost- und Westdeutschland „ein Volk“ ist. Jedoch wird es noch Generationen brauchen, bis sich beide Parteien auch ideologisch angeglichen haben werden.

Die ostdeutsche Mentalität lässt eine größere Aggressionsbereitschaft gegenüber dem Fremden und auch eine größere Toleranz gegenüber rechtsextrem motivierter Gewalttaten zu. Und doch können diese Besonderheiten in der Mentalität nicht hinreichen erklären, warum es gerade in den letzten Jahren zu einem extremen Anstieg in der Gewaltbereitschaft und der Ausübung von Gewalt gegen Ausländer gekommen ist.

Selbst vor Mord schreckt man nicht zurück, wie die folgende Karte der rassistisch motivierten Morde zeigt.

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Der deutsche Osten: Armut und soziale Abstiege

Gerade im Osten unseres Landes kommt es vermehrt zu prekären Lebenslagen. Armut, soziale Abstiege und hohe Arbeitslosenraten sind ein Teil des ostdeutschen Lebens, gehören in vielen Landstrichen genau wie die Vereinsamung direkt zum Leben dazu. Gesellschaftliche Bindekräfte sind teilweise kaum mehr vorhanden.

Sachsen ist besonders stark betroffen

Gerade in Sachsen zählte das Kollektiv sehr viel, Heimatgefühle und Traditionen sind bis heute tief in der sächsischen Seele beheimatet. Seit der Wende haben jedoch fast eine Million Menschen das Land verlassen. Die Infrastruktur geht mit den auswandernden Sachsen zwangsläufig mit, denn wenn so viel Menschen ihre Heimat verlassen, müssen dort Schulen, Läden und auch Arztpraxen schließen, weil sie nicht überleben können.

Ganze Dörfer werden zu Geisterstätten und Häuserzüge verweisen. Nur die Alten und jene, die sich keine Verbesserung der eigenen Lebenssituation versprechen, bleiben im Land. Natürlich müssen auch die vielen Arbeitslosengeld II (Hartz IV) Empfänger bleiben, doch die haben nicht wirklich eine Wahl.

Die Zurückgebliebenen machen sich Sorgen um ihre Zukunft, den Meisten ist klar, dass sie keine haben. Sie fühlen sich von der Politik verlassen, denn die kümmert sich lieber um die Flüchtlinge, anstatt Programme für die Arbeitsintegration der Hoffnungslosen aufzulegen. Die Wende brachte für viele Ostdeutsche nicht das gewünschte Ergebnis, denn mit der Wende kamen auch die Westeliten, die sich sofort in allen wichtigen Ämtern breitmachten.

Das aufkeimende Gefühl der Unterlegenheit

Verwaltungen, Universitäten und Krankenhäuser wurden von Westdeutschen „besetzt“, wie die Ostdeutschen die Sache sehen. Doch dies ist oftmals nur geschehen, weil die an die Planwirtschaft gewöhnten Ostdeutschen mit den neuen Ämtern in einer für sie völlig neuen Gesellschaft überfordert gewesen wären. Heute ist kaum ein Ostdeutscher mehr überfordert – zumindest nicht, wenn er nicht den bildungsfernen Schichten angehört.

Damals jedoch kamen schnell Gefühle der Unterlegenheit gegenüber den Westeliten auf. Das Gefühl trog nicht, denn in der ersten Zeit nach der Wende waren die Ostdeutschen den Westdeutschen in der Tat „unterlegen“. Das jedoch resultierte nur aus der jahrzehntelangen Erfahrung der Westdeutschen mit Ihrer Gesellschaftsform, die den Ostdeutschen völlig neu war.

Heute haben die Ostdeutschen schnell dazu gelernt und keinesfalls mehr unterlegen. Durch ihre Art des Lernens und der harten Arbeit sind sie zum Teil den Westdeutschen heute überlegen, zumindest jedoch gleichwertig.

Das Problem sind nicht die Asylbewerber, sondern die Politik

Viele Menschen im Osten haben das Gefühl, die Kontrolle über ihr Leben zu verlieren. Das Problem sind daher nicht die Flüchtlinge, sondern die Politik. Denn die Politik im Osten geht nicht auf die Sorgen und Nöte der Menschen ein. Die Politik – besonders auch in Sachsen – arbeitet nur für die Wirtschaft, auf dass es dem Land gut gehen möge. Doch einem Land kann es nur gut gehen, wenn es den Menschen im Land gut geht.

Die Menschen bilden ein Bundesland und nur die Menschen. Daher sollte sich die Politik gerade im Osten wieder an ihren Auftrag erinnern, den sie von ihrem Volk, welches sie vertreten, bekommen haben. Es müssen Arbeitsplätze geschaffen werden und die Jugend muss mit speziellen Programmen gefördert werden, damit sie einen Jo und damit auch eine Zukunft bekommen.

Man könnte jetzt annehmen, dass die schwache Wahlbeteiligung ebenso ein Hilferuf ist, wie die Gewalttaten gegen Fremde. Vielleicht möchte man einfach nur wahrgenommen werden.

Doch Gewalt gegen Fremde ist erstens nicht der richtige Weg, zweitens muss die Politik sofort mit einer „Null Toleranz“-Strategie antworten, damit die Gewalttäter sofort verstehen, dass sie mit Gewalt nicht weiterkommen. Hier hat die Politik im Osten völlig versagt, es werden zum Teil bürgerkriegsähnliche Zustände geduldet. Das darf keinesfalls sein!

Doch auch die schwache Wahlbeteiligung muss ein Alarmsignal für die Politik sein. Mit einem neuen Programm, klaren Aussagen und Programmen für die Menschen und nicht für die Wirtschaft holt man sich die wahlmüden Menschen wieder zurück an die Urne.

Der deutsche Westen zeigt die gleiche Entwicklung

Auch der Westen ist nicht gefeit gegen die aufkeimende Gewalt gegen Flüchtlinge. Ebenso stark vertreten im Westen sind die Entwicklungen des staatlichen Rückzugs. Auch im Westen wird der Bürger allein gelassen von der Politik, seine Sorgen und Nöte finden ebenso wenig Resonanz, wie im Osten.

Der Staat zieht sich weitgehend aus allen wichtigen Bereichen zurück, besonders aus den Bereichen der Bildung, der sozialen Absicherung der Menschen, der Gesundheit, der Wohlfahrt und auch der Arbeit. Dieses sind mittlerweile Güter, die der Staat nicht mehr fraglos zur Verfügung stellt, jeder Einzelne muss darum kämpfen. Jene, die Hilfe am dringendsten benötigen würden, schneiden oftmals am schlechtesten ab.

Der westliche Staat genoss eine extrem breite Zustimmung, weil er in der Vergangenheit als Wohlfahrtsstaat, als Sozialstaat auftrat. Doch das ist schon lange vorbei. Die soziale Marktwirtschaft wandelte sich längst in einen knallharten Kapitalismus um, in dem der Einzelne schon lange nicht mehr zählt. Auch bei uns im Westen fragen sich immer mehr Menschen, warum sie einen Staat unterstützen sollen, der immer weniger sozial und gerecht ist.

Stattdessen werden nun Menschen mit Zuwendungen versehen, die nicht dazu gehören. Die Flüchtlinge. Doch Flüchtlingspolitik ist natürlich auch Sozialpolitik. Auch wenn man heute noch nicht von einer wirklichen Asyl- und Flüchtlingspolitik sprechen kann, denn wichtige Eckpunkte fehlen.

Damit der gesamtdeutsche Bürger wieder ein zufriedener Bürger wird, muss endlich wieder etwas für das Volk getan werden. Politiker müssen mit allen demokratischen Mitteln dazu gezwungen werden, sich wieder an ihren Wählerauftrag zu erinnern. Denn sie vertreten das Volk und nicht die Wirtschaft.

Videos zum Thema:

ZDF Frontal 21| Neonazis in Halle und Bitterfeld
In der Region um Halle an der Saale sind seit mehreren Monaten gewaltbereite Neonazi-Gruppen aktiv. Sie nennen sich “Brigade Bitterfeld“ und “Brigade Halle“. Im Stadtteil Halle-Silberhöhe machen sie gezielt Jagd auf dort ansässige Roma-Familien.

https://youtu.be/1Mc45kVXH-o

DOKU: Verräter! – Vom schwierigen Ausstieg aus der Neonazi-Szene
„Verräter an der Idee und am Kampf sind im Nationalsozialismus Schädlinge und auch als solche zu behandeln.“ Aus Mails und Anrufen erfährt Felix Benneckenstein, was seine früheren Kameraden von ihm, dem „Verräter“, halten. Er weiß, er muss vorsichtig sein. Zehn Jahre war er in der rechtsextremen Szene aktiv. Unerreichbar für seine Eltern, Lehrer und Freunde. 2011 ist er ausgestiegen.

Quelle:

freitag.de

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Über den Autor
Andreas HechtHerausgeber und Redakteur

geboren 1968 in Bremen. Er gründete im Juli 2015 zusammen mit Nicole Hahn die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion. Journalistische Arbeit u.a. bei "Dr. Web Magazin", "NEOPresse" und "Huffington Post", nebenbei Autor mehrerer E-Books zu den Themen Lebenshilfe, Marketing und WordPress.

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