Democratic Post

Kritische Texte und kontroverse Meinungen

Essay Der etwas andere Nachruf

Helmut Schmidt, wir verneigen uns vor Ihrem Lebenswerk!

1982: Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag in München

1982: Bundeskanzler Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag in München

Helmut Schmidt ist gestern 96-jährig seiner 2010 verstorbenen Ehefrau Loki gefolgt. Laut Auskunft seines Hausarztes, Professor Heiner Greten, schlief der 5. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland am 10. November 2015 gegen 14:30 Uhr sanft und friedlich in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn im Kreise seiner Familie ein. Seine Tochter Susanne Schmidt-Kennedy und seine Lebensgefährtin Ruth Loah waren bis zuletzt bei ihm.

Bei einem Menschen im 97. Lebensjahr rechnet jeder halbwegs realistisch denkende Mensch täglich mit dessen Ableben. Geschieht es dann, ist es trotzdem immer wieder ein Schock. So auch gestern.

Anzeige

Die „ZEIT“ titelte heute Morgen: „Helmut Schmidt – Wie geht das – ohne ihn?“. Genau das frage ich mich auch. Es fühlt sich so an, als würde ein wichtiges Familienmitglied fehlen. Der Kritiker, der immer die Finger in die Wunde legt, ist nicht mehr da.

Zum Ausdruck meiner tiefen Verehrung dieser Jahrhundertpersönlichkeit Helmut Schmidts, verfasse ich diesen Artikel in einen persönlichen Abschiedsbrief an den letzten deutschen Denker!

Helmut Schmidt, wir verneigen uns vor Ihrem Lebenswerk! - Ein persönlicher Abschiedsbrief. Klick um zu Tweeten

Lieber Helmut Schmidt!

Ich wurde 1962 neun Monate nach Ihrer politischen Heldentat während der Hamburger Sturmflutkatastrophe am 16./17. Februar 1962 in unserer gemeinsamen Heimatstadt Hamburg geboren. Sie hatten in Ihrer Position als damaliger Senator der Polizeibehörde (nicht als Innensenator, wie häufig fälschlicherweise berichtet wird; erst im Juni 1962 – wurde das Ressort des Innensenators eingerichtet) das Ruder übernommen. Insofern habe ich Ihre Handlung als Krisenmanager – auch über alle Gesetzmäßigkeiten hinaus, indem Sie das Militär zur Rettung der Bevölkerung nach Hamburg holten und so verhinderten, dass noch viel mehr als 300 Tote zu beklagen waren – nicht live miterlebt.

Dennoch erfuhr ich diese Einzelheiten aus den Erzählungen meiner Familie. Für mich heute unfassbar, dass Sie sich für diese lebensrettende Aktion im Anschluss noch vor Gericht verantworten mussten, zum Glück aber frei gesprochen wurden. Diese Wetterkrise war allerdings Ihr großer politischer Durchbruch.

Helmut Schmidt, Sie wurden am 23.12.1918 im Hamburger Arbeiterstadtteil Barmbek als Sohn eines Volksschullehrers und seiner Frau im Sternzeichen des Steinbocks geboren. Die positiven Eigenschaften dieses Sonnenzeichens sind

  • verantwortungsbewußt,
  • produktiv,
  • ehrgeizig,
  • geduldig,
  • fleißig

und lesen sich wie die Grundvoraussetzungen für das Amt eines politischen Managers und wie ein Muss für das Amt des deutschen Bundeskanzlers.

Die ehemalige Lichtwarkschule und heutige Heinrich-Hertz-Schule

Die ehemalige Lichtwarkschule und heutige Heinrich-Hertz-Schule an der Helmut und Loki Schmidt 1937 das Abitur erlangten.

Die 1914 gegründete Reformschule namens Lichtwarkschule, die heutige Heinrich-Hertz-Schule am Grasweg 72 in Hamburg-Winterhude, besuchten Sie und lernten dort, im Alter von 10 Jahren, Ihre Jugendliebe Hannelore – genannt Loki – kennen. Sie beide machten dort 1937 Ihr Abitur, das ist das Geburtsjahr meiner Mutter.

Am 1. Oktober 1937 starteten Sie ihre Offizierslaufbahn und wurden ab 1939 zum Flugabwehrdienst, der sogenannten Flak, einberufen. Übrigens genauso wie mein Vater. 1942, während eines Fronturlaubs, heirateten Sie dann ihre Loki.

Der 31. August 1945 war Ihr Entlassungstag aus der britischen Krieggefangenschaft und der Beginn eines demokratischen, freiheitlichen Lebens und traten in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. 1949 beendeten Sie Ihr Studium der Volkswirtschaftslehre in Hamburg als Diplom-Volkswirt. Gleich im Anschluss holte Karl Schiller Sie an die Behörde für Wirtschaft und Verkehr; zuletzt – von 1952 bis 1953 – als Leiter des Amtes für Verkehr.

Sie wurden von 1953 bis 1962 Mitglied des Deutschen Bundestags, damals noch in Bonn. Die ersten politischen Ämter folgten Ende 1961 bis 1965 in der Hamburger Bürgerschaft unter den Bürgermeistern Paul Nevermann und Herbert Weichmann. Die beispiellose Hilfeleistung von 1962 beschrieb ich bereits am Anfang; sie diente zukünftig als Vorlage für Kriseneinsätze der Bundeswehr im Inland.

Der steile Aufstieg innerhalb der SPD schritt für Sie voran: In der 1965 gewählten Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger (CDU/CSU) mit Willy Brand (SPD) als Vizekanzler und Außenminister übernahmen Sie den SPD-Fraktionsvorsitz.

1969-72: Helmut Schmidt, Bundesminister der Verteidigung

Helmut Schmidt, fünfter Bundesminister der Verteidigung, vom 21.9.1969 bis 10.07.1972.

In der 1969 gewählten sozial-liberalen Koalition unter Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) übernahmen Sie das Bundesamt des Verteidigungsministers. Außenminister und Vizekanzler war damals Hans Dietrich Genscher (FDP), der dienstälteste Außenminister in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.

Während dieser Amtszeit verkürzten Sie den Wehrdienst von 18 auf 15 Monate und gründeten in Hamburg und München die Bundeswehruniversitäten. Zu Ihren Ehren heißt die Hamburgische Bundeswehruniversität auch „Helmut-Schmidt-Universität“. 1972 wurde die sozial-liberale Koalition von den Wählern bestätigt und Sie übernahmen das Bundesfinanzministerium.

1974 wurden Sie zum fünften deutschen Bundeskanzler vereidigt, weil Willy Brandt über die Spionage-Affäre mit Günter Gillaume stolperte und zurücktrat. Ich war damals 11 Jahre alt und schon damals politisch sehr interessiert. Sie betonten in späteren Interviews häufig, dass Sie eigentlich nie Bundeskanzler werden wollten, aber Ihr Verantwortungs- und Pflichtbewusstsein waren stärker.

19.6.1976: SPD-Parteitag in der Dortmunder Westfalenhalle

19.6.1976: SPD-Parteitag in der Dortmunder Westfalenhalle

Im Nachhinein kann ich nur sagen, dass Sie der beste Bundeskanzler während meines bisherigen Lebens waren!

Ihre Kanzler-Jahre, lieber Herr Bundeskanzler a.D., waren – im Nachhinein betrachtet – nahezu am schwersten von allen. Die Gesellschaft befand sich seit 1968 in einem ständigen Wandel; die Ölkrise zwang Sie zu außergewöhnlichen Maßnahmen wie das Sonntagsfahrverbot auf Autobahnen; der Terrorismus der „Roten-Armee-Fraktion“ (RAF) mitsamt den Entführungen von Hanns-Martin-Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“ zwang Sie zu Konsequenz, Unerpressbarkeit und Härte. Die GSG9 wurde unter Ihrer Regentschaft ins Leben gerufen. Viele Menschen behaupteten damals von Ihnen, dass Sie in der falschen Partei seien.

Heinrich Breloer verfilmte die RAF-Szenarien in dem Zweiteiler „Das Todesspiel“. Dieses Stück Zeitgeschichte empfinde ich als sehr wertvoll, weil es eine Kombination aus Spiel- und Dokumentarfilm mit Ihren Stellungnahmen zu den Ereignissen wurde. Ihre Konsequenz, Unnachgiebigkeit und Unerpressbarkeit wird in diesem Stück (Film-)Geschichte sehr gut dargestellt.

Ich war total erschüttert, als Sie nach nur acht Jahren Amtszeit infolge des Rücktritts sämtlicher FDP-Minister und des von CDU/CSU und einem Großteil der FDP-Abgeordneten eines Misstrauensvotums abgewählt wurden und Helmut Kohl Sie beerbte – und das für 16 lange Jahre. Klaus Bölling, ihr Regierungssprecher, beschrieb in seinem Buch „Die letzten 80 Tage des Kanzlers“ die Umstände sehr dezidiert und trug sehr gut zu meinem Verständnis bei.

1983 wurden Sie Mitherausgeber des Wochenmagazins „Die Zeit“, zurück in Ihrer und meiner Heimatstadt Hamburg. Die Freie und Hansestadt Hamburg ernannte Sie und Loki zu Ehrenbürgern. Ihr letztes Bundestags-Mandat endete am 10. September 1986.

Ich möchte Ihnen postmortem dafür danken, dass ich durch Sie, Ihre Bücher und Ihre geäußerten und geschriebenen Gedanken auf dem Pfad der Tugenden blieb und durch Sie Marc Aurel und Kant kennen und lieben lernte. Sie spielten, genau wie ich, Klavier und liebten die Musik. Ich empfand Sie häufig als einen Seelenverwandten und betrachtete Sie Zeitlebens als mein großes Vorbild!

Besonders geachtet und wertgeschätzt habe ich aber, dass ich durch Sie meinen Glauben an die Politik nicht ganz verlor. Wie das werden wird, ich habe keine Ahnung. Sie waren ein Kämpfer, ein Mann des Wortes, der aber auch Wort hielt! Dabei zeichneten Sie und Loki immer Bescheidenheit und Understatement aus. Kein anderer Politiker vereinte Anerkennung und Respekt so über alle Parteigrenzen hinaus wie Sie.

Sie standen zwar immer im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, waren aber immer ein introvertierter Typ. Die Medien schrieben von dem Pragmatiker im Gegensatz zu Willy Brandt, der eher emotional die Herzen der Deutschen berührte. Sie hingegen waren der sachliche und realtistische Politiker des Machbaren.

Unser Altkanzler 2001 im Gespräch.

Unser Altkanzler 2001 im Gespräch.

Ein Mensch mit Rückgrat und Format!

Sie sagten einmal in einem Interview von sich selbst:

Ich würde sagen, das war einer, der hat versucht seine Pflicht anständig zu tun.

Weder vor noch nach Ihnen gab oder gibt es das in der Politik – Rückgrat und Format. Danke, dass es Sie gab und dass Sie so waren, wie Sie waren. Es erfüllt mich mit Trauer, dass wir Deutschen einen so wichtigen Kritiker und Denker verloren haben; ich bin allerdings erleichtert, dass Sie zum Ende Ihres Lebens anscheinend nicht lang leiden mussten.

Ich hoffe für Sie, dass das Leben nach dem Tode weniger anstrengend wird und Sie Loki einander wiederfinden werden.

In Gedenken an meinen Bundeskanzler Helmut Schmidt und kondoliere – auch im Namen unserer Redaktion – Ihren Angehörigen auf diesem Wege.

Tief bewegt verbleibe ich, Ihre Nicole Hahn.

Anzeige

Ohne viele Worte

Für alle, die Helmut Schmidt nicht mehr als aktiven Politiker und brillianten Redner kennen, empfehle ich folgende Videos anzuschauen.

Helmut Schmidt – Portrait des Bundeskanzlers

https://youtu.be/34m0PcIw4f8

https://youtu.be/bmHl0B-eQgQ

https://youtu.be/78EBrIghO2c

https://youtu.be/9KRJYXLSOY4

Quellen

Anzeige

Democratic Post unterstützen

Wenn Ihnen unser Artikel gefallen hat: Bitte unterstützen Sie diese Form des Journalismus.

Bitte wählen Sie:
Über den Autor
Nicole HahnHerausgeberin und Redakteurin

wurde 1962 in Hamburg geboren. Sie gründete im Juli 2015 zusammen mit Andreas Hecht die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion.

Druckversion
Webseite ausdrucken

Sorry, die Kommentare sind geschlossen.