Democratic Post

Kritische Texte und kontroverse Meinungen

Soziales Meinungsmache statt Bildung

Lobbyismus an Schulen: Kinder von der Wirtschaft manipuliert

Lobbyismus an Schulen: Kinder als Ziel von Meinungsmache

Kinder sind das bevorzugte Ziel der Lobbyisten.

Lobbyismus macht auch vor Klassenzimmern nicht halt. Unsere Kinder sollen auf Linie gebracht werden und den Denkansätzen der Wirtschaft folgen, ohne kritisch zu hinterfragen. Kinder sind noch leicht zu beeinflussen und darum setzt die Wirtschaft bereits im Schulunterricht damit an. Die Wirtschaft manipuliert nicht nur unterschwellig, sie mischt offensiv, ja aggressiv den Unterricht von außen her auf.

Schülerinnen und Schüler wurden in den letzten Jahren als Ziel der Meinungsmache von den Lobbyisten entdeckt. Es wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt, Schulwettbewerbe veranstaltet und Lehrer fortgebildet. Alles das dient dazu, die Meinung unserer Kinder bereits so früh wie möglich zu beeinflussen, um sie »auf Kurs« zu bringen. Bei all dem gehen die Firmen und Lobby-Verbände sehr professionell vor.

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Es existieren sogar spezialisierte Agenturen, die die Beeinflussung von Kindern und Jugendlichen kombiniert mit Werbung im Schulumfeld anbieten. Diese spezialisierten PR-Agenturen bieten unter anderem auch Bildungskommunikation als Dienstleistung mit an, denn das sei „ein wichtiger Bestandteil der Gesamtmarketingstrategie“.

Gehen Sie neue Wege mit Bildungskommunikation und bringen Sie Ihr Thema mit Mehrwert an Schulen und Kitas. Wie Capito Lizenzen nachhaltig und einzigartig kommuniziert, zeigt Ihnen Lazers Show zum Thema Lizenzen.

Wie das funktioniert, erklärt die Agentur für Bildungskommunikation Capito sehr anschaulich in einem sehenswerten Video:

https://youtu.be/yt1rZgy3VYg

Imageförderung wird als Sponsoring versteckt

Das Sponsoring ist eines der wichtigsten Instrumente der Bildungskommunikation. Die knappen Budgets der Schulen verleiten dazu, diese Angebote anzunehmen. Die Bandbreite der Einflussnahme über Sponsoring ist groß: Vattenfall sponsert ein Radrennen der Schule, die VR Bank einen Malwettbewerb, die DEKRA rüstet die Schulanfänger mit Kappen aus, die im Dunkeln leuchten, Lidl richtet einen Fitness Cup aus oder Nestle bietet Ernährungsbildung an.

RWE ist wie immer voRWEg und verschenkt Frühstücksdosen an Erstklässler. Dazu organisiert RWE noch Sportfeste und finanziert Schulwettbewerbe. Bildungssponsoring erscheint eine Win-win-Situation zu sein. Doch die Gefahr ist groß, dass sich die Schulen für die Interessen der Unternehmen beeinflussen lassen und die Philosophie an die Schüler weiterreichen. Kein Schüler braucht die Firmen um Rad zu fahren oder ein Bild zu malen. Denn jeder gut gemachte Sport- oder Kunst-Unterricht bietet den Schülern mehr – ohne unterschwellige Beeinflussung.

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Warum Lobbyisten an Schulen aktiv sind

Um Unterrichtsinhalte zu beeinflussen. Eine Einflussnahme an Schulen scheint besonders einfach zu sein, denn die Bedingungen dafür sind sehr gut. Die Schulen sind finanziell immer schlechter ausgestattet und die Lehrer müssen oftmals fachfremd unterrichten. Die Lehrer sind daher auf fremde Hilfe angewiesen. Hinzu kommt, dass Kinder und Jugendliche unerfahren sind im Umgang mit der Meinungsmache, was sie zu der Zielgruppe Nummer eins macht.

Denn wenn es eine Marke oder eine politische Idee ins Klassenzimmer schafft, so sind ihr dort mindestens 45 Minuten Aufmerksamkeit sicher. Wird diese Idee durch eine Lehrkraft vermittelt, so erscheint sie den Schülern besonders glaubwürdig. Zudem spricht man mit der Vermittlung dieser Ideen und der Marken nicht nur die Schüler an, sondern das gesamte soziale Umfeld der Kinder. Geschwister, Eltern und Großeltern stehen im Fokus der Meinungsmache.

Kinder stehen im Fokus der Lobbyisten. Sagen auch Sie »Nein« zu Lobbyismus an Schulen! Klick um zu Tweeten

Die Imageverbesserung ist ein weiteres und starkes Motiv, sich in Schulen zu engagieren. Die Unternehmen oder Wirtschaftsverbände stellen sich gern als gesellschaftlich engagiert und positiv dar.

Das Lehrerportal der INSM Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH

Das Lehrerportal der INSM Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft GmbH

Zwei Beispiele der direkten Einflussnahme auf Schüler

funny-frisch

Zehn Jahre lang übte die Chipsmarke »funny-frisch« direkt Einfluss auf die Kinder aus. In Kooperation mit den Schulen führte die Marke Fußballtrainings in den Sportstunden durch. Die Kinder erhielten T-Shirts mit dem Markenlogo des Chips-Herstellers und wurden auf Linie gebracht. Das Projekt wurde nach Angaben des Unternehmens bereits an 1.700 Schulen durchgeführt. Die Schüler von 1.700 Schulen werden sicher einen großen Appetit auf die Produkte des Herstellers gehabt haben und letztlich auch dafür gesorgt haben, dass die Mama keine andere Chips-Marke mehr einkaufte. Mittlerweile ist das Projekt beendet worden.

Fit am Ball von funny-frisch

ExxonMobil

ExxonMobil Werk Großenkneten

ExxonMobil Werk Großenkneten

ExxonMobil nahm sich die dauerhaft präsente Unterfinanzierung des Bildungssystems als Türöffner und betrieb an zwei Gymnasien Sponsoring. Gefördert wurden diese mit der Summe von 10.000 Euro jährlich. Das Ziel der Kooperation zwischen ExxonMobil und den Gymnasien war unter anderem die „Verbesserung der Reputation der Branche“ und eine „Versachlichung der Darstellungen über die Erdöl- und Erdgasproduktion in Schulen“.

Natürlich fällt es den unterfinanzierten Schulen oftmals sicher schwer, den Verlockungen durch die vermeintlichen „Geschenke“ von Unternehmen zu widerstehen. Denn Schulen, die sich solchen Geschenken widersetzen, drohen ins Hintertreffen zu geraten.

Auffallend ist, dass die Kooperationen in einer Gegend stattfinden, in der die umstrittene Fracking-Technik zur Erdgasgewinnung vermehrt zum Einsatz kommt. Gestartet wurde das Projekt zum Schuljahr 2007/2008 von der niedersächischen Staatskanzlei und dem Wirtschaftsverband Erdöl und Erdgasgewinnung (WEG). Sehr brisant ist der Fall, weil eine Dokumentation des WEG deutlich die Ziele der Kooperation aufzeigte. Das Land Niedersachsen beendet ab dem kommenden Schuljahr das umstrittene Projekt. Das Land begründet die Entscheidung mit einem Verstoß gegen die Antikorruptionsrichtlinien Niedersachsens.

Der verschleierte Lobbyismus als Türöffner zu den Schulen

Das Vordringen an die Schulen ist für Lobbyisten nicht so ganz einfach, denn sie müssen Bedenken zerstreuen und ihre Aktivitäten legitimieren. Sie müssen ihre wahren Absichten verschleiern. Sie müssen verhindern, dass man zu schnell versteht, dass es ihnen nicht um die Bildung, sondern um Meinungsmache geht. Mit sehr viel Geld und einer gehörigen Portion Know-how werden die interessengeleiteten Kampagnen möglichst neutral verpackt. So ist es oftmals auch für ein kritisches Auge nicht leicht erkennbar, welche Absichten hinter einer Aktion stehen.

Daher sollten die betreffenden Eltern, Schüler und auch die Lehrer die wichtigsten Türöffner kennen, denn nur so können fragwürdige Projekte erkannt und auch verhindert werden. Unter anderem sind dies:

1 – Intransparenz

Hinter einer Intransparenz lassen sich die wahren Motive am besten verstecken. Man verschleiert einfach, wer hinter den Angeboten steckt, die den Weg in den Unterricht finden. Selbst bei einem Blick in das Impressum des Unterrichtsmaterials Hoch im Kurs wird nicht sofort klar, wer dahinter steckt. Als Herausgeber steht dort:

Stiftung Jugend und Bildung in Zusammenarbeit mit dem BVI Bundesverband Investment und Asset Management e.V.

Auch wenn es sich harmlos anhört, doch dahinter steckt der BVI, der auch das Material finanzierte.

2 – Patenschaften und Kooperationen als Türöffner

Portal Jugend und Wirtschaft. Kooperation zwischen der FAZ und dem Bankenverband.

Portal Jugend und Wirtschaft. Kooperation zwischen der FAZ und dem Bankenverband.

Patenschaften und Kooperationen haben nur ein Ziel, nämlich die Glaubwürdigkeit und Seriosität des Angebots zu stärken. Die NRW-Bildungsministerin Sylvia Löhrmann hat mit ihrer Schirmherrschaft einen Wettbewerb der Spardabank deutlich aufgewertet. Der Bankenverband steigert die Glaubwürdigkeit seines Portals „Jugend und Wirtschaft“ durch eine Kooperation mit der F.A.Z.

3 – Hervorhebung von Wissenslücken

Lobbyverbände sähen es sehr gern, wenn ein Schulfach Wirtschaft den Weg in den Unterricht finden würde. Sie begründen dies mit den großen Wissenslücken in diesem Bereich. Wirtschaft spielt in unserem Leben eine große Rolle, da müssten die Lücken geschlossen werden. Der Bankenverband kommt in seiner Jahresstudie von 2012 zu dem Ergebnis:

Bei fast jedem zweiten Jugendlichen gibt es größere Defizite im Verständnis von Wirtschaft und Wissen über Wirtschaftsthemen

Daran wird dann wiederholt die Forderung nach einem eigenen Schulfach Wirtschaft festgemacht. Aus Sicht der Unternehmen bietet ein Schulfach Wirtschaft die wunderbare Möglichkeit, eigene Botschaften darin unterzubringen.

Die Aufgabe der Politik und der Schule

Die Schulen müssen genau aufpassen und hinterfragen, wen sie sich da ins Boot holen. Denn die wahren Ziele und Interessen der Anbieter müssen definitiv hinterfragt werden. Keine Firma, kein Unternehmen wird Sponsoring betreiben oder fördern ohne eigene Interessen zu verfolgen. Die Politik ist in dieser Hinsicht gefragt dafür Sorge zu tragen, dass Imageförderung nicht so leicht hinter Sponsoring versteckt werden kann. Die entsprechenden Regelungen der Bundesländer sind so vage formuliert, dass Sponsoring Auslegungssache ist.

In Nordrhein-Westfalen ist Sponsoring erlaubt, wenn die „Werbewirkung deutlich hinter dem schulischen Nutzen zurücktritt“. Die Schulen entscheiden, wann das so ist. Doch die Politik muss für einen kritischen Umgang mit solchen Angeboten sorgen. In der Ausbildung unserer Lehrkräfte sollte auf die Gefahren der Einflussnahme hingewiesen werden und über die Strategien der Lobbyisten aufgeklärt werden. Das wahre Einfallstor für Lobbyismus an den Schulen ist jedoch die latente Unterfinanzierung des Bildungssystems.

Tipps zur Erkennung und Verhinderung von Lobbyismus an Schulen

  • Jedes Angebot genau anschauen und hinterfragen. Wer steckt dahinter?
  • Suchen Sie Informationen über die Finanzierung. Fragen Sie bei fehlenden Angaben nach!
  • Verschaffen Sie sich Klarheit über die Interessen und Ziele des Anbieters
  • Gibt es alternative Angebote?
  • Im Zweifel Kollegen um Einschätzung bitten und den wahren Nutzen mit der Schulleitung klären.
  • Nutzen Sie manipulative Angebote, um Lobbyismus an Schulen kritisch zu thematisieren und die Schüler dafür zu sensibilisieren.

Das Video zum Thema

https://youtu.be/AU9pQ22oMUk

Quellen:

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Über den Autor
Andreas HechtHerausgeber und Redakteur

geboren 1968 in Bremen. Er gründete im Juli 2015 zusammen mit Nicole Hahn die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion. Journalistische Arbeit u.a. bei "Dr. Web Magazin", "NEOPresse" und "Huffington Post", nebenbei Autor mehrerer E-Books zu den Themen Lebenshilfe, Marketing und WordPress.

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2 Kommentare

  1. migelbauer schrieb :

    Hallo,
    ich finde das nicht gut – die Lehrer haben von vielen Dingen, wie z.b. Wirtschaft überhaupt keine Ahnung, und wenn jemand aus der Praxis kommt, ob das nun ein Polizist, Manager, Handwerker oder jemand aus der Wirtschaft informiert, kann das nur ein Gewinn für die Schüler sein. Die sind doch nicht doof und können sich ihre eigene Meinung bilden und werden sich wg. einer Brotdose nicht für Atomstrom begeistern lassen.
    Mir gehen eher alle ewiggestrigen Warner auf die Nerven, die Wirtschaft und Unternehmen grundsätzlich für böse halten
    Also – Funny und alle anderen rein in die Schule!!!

    • Nicole Hahn schrieb :

      @migelbauer
      Hallo zurück, danke für Ihre Diskussionsgrundlage.
      Grundsätzlich bin ich auch Ihrer Meinung, dass Fachleute (z.B. Polizisten/Innen oder Handwerker, m/w) aus der Praxis auch durchaus Wissen an Schüler/Innen weitergeben können und sollen, wie z.B. der BünaBe (bürgernaher Beamter) oder der Verkehrspolizist während der Grundschulzeit. Hierbei sollte darauf geachtet werden, dass die Fachleute nicht irgendwelchen Großkonzernen angehören und neben dem Fachwissen auch noch unterschwellig eine „Marke“ vermitteln! Lieber der Maler oder Elektriker von nebenan!
      Ich bin aber auch der Auffassung, dass folgende Voraussetzungen differenziert werden sollten: 1.) Um welche Altersstufen der Schüler handelt es sich? 2.) Von welchem Bildungsniveau sprechen wir? 3.) Hängt die indirekte Werbung mit einem gesellschaftskritischem Thema zusammen? Die Vermittlung des letzteren sollte dann lieber ein nicht gekaufter Pädagoge übernehmen!
      Auf der einen Seite möchten wir die Unterstützung der Wirtschaftsunternehmen – z.B. sponsort der Otto-Versand einer Bramfelder Grundschule gesundes und genießbares Schulmittagessen aus der eigenen Werksküche zu bezahlbaren Preisen -, weil der Staat zu wenig Geld für Bildung ausgibt. Auf der anderen Seite ist eine unterschwellige Beeinflussung der RWE in Sachen „Pro-Fracking“ nicht bei jedem erwünscht.
      Ein 16-jähriger Gymnasiast wird möglicherweise ein kritisches Thema eher hinterfragen als ein Grundschüler mit kostenlosen Chips. Außerdem sind diese nicht gerade gesund für Heranwachsende.
      Allerdings sollten die vielfach überforderten Eltern auch ein wenig häufiger ein Auge auf ihre lieben Kleinen werfen und mit ihnen sprechen.
      Ich sehe da noch ein andere Problem: Mit abnehmender Verbeamtung des Lehrpersonals – das übrigens im Rahmen des Gemeinschaftskunde- oder PGW-Unterrichts (P=Politik, G=Gesellschaft, W=Wirtschaft) und in der Oberstufe als Profilkurs (früher Leistungskurs) durchaus in der Lage ist Wirtschaft zu unterrichten – wird die Bestechung und Beeinflussung durch Lobbyismus an Schulen zunehmen! Ich bin eher wieder für die guten alten Milchmuttis!!!