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Über den gesellschaftlichen Umgang mit Depressionen

Über den gesellschaftlichen Umgang mit Depressionen

Ein gesellschaftlich offener Umgang mit der Krankheit hilft den Betroffenen.

Die Depression ist in all ihren Ausprägungen die Volkskrankheit Nummer eins. Doch die Gesellschaft stigmatisiert diese ernstzunehmende Krankheit immer noch, weil sie nicht damit umzugehen weiß. Dabei sind mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland erkrankt. Die Dunkelziffer liegt nach Schätzungen von Psychologen noch weitaus höher.

Psychische Erkrankungen sind ebenfalls die Selbstmordursache Nummer eins, besonders junge Menschen sind betroffen. Die Krankheit an sich kann jeden Menschen treffen, egal ob jung oder alt. Wichtig ist, das die Erkrankten schnelle Hilfe bekommen. Denn Depressionen sind die Geißel des 21. Jahrhunderts und werden, wie Wissenschaftler vermuten, durch das enorm beschleunigte Tempo unseres Lebensstils ausgelöst.

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Depressionen: Der Krieg gegen Dich selbst

Es gibt sehr viele Ausprägungen der Krankheit, von relativ leicht bis extrem heftig. Von Standard bis hin zu manisch-depressiv. Sie hat nicht damit zu tun, dass man einfach mal ein bisschen traurig oder melancholisch ist. In diesem Beitrag geht es nicht um die leichte Form der Depressionen, sondern um die sehr ernstzunehmende heftige Ausprägung, die dir dein Leben und dich selbst völlig umkrempelt.

Depressionen gehören zu den schlimmsten Krankheiten, die Du bekommen kannst. Sie nimmt dich gefangen und lässt dich nicht mehr los. Sie verändert dein ganzes Leben und Deine Psyche führt auf einmal Krieg gegen Dich. Dunkelheit umfängt dich wie ein Leichentuch, völlige Gefühllosigkeit ist Dein ständiger Begleiter. Nichts macht Dir mehr Spaß, Du kannst Dich nicht mehr dazu aufraffen, vor die Tür zu gehen und bleibst daher gleich im Bett liegen und grübelst ständig vor dich hin.

Einfachste Tätigkeiten werden zur immensen Qual für dich, zum Beispiel duschen oder dich anzuziehen. Alles wird dir zu viel, auch du dir selbst und das ist das Schlimmste daran. Angesprochen werden vom geliebten Partner ist schon zu viel, Männer reagieren auf kleinste Dinge extrem gereizt. Übrigens: Liebe fühlst Du auch nicht mehr, denn Du fühlst wirklich nichts mehr außer vielleicht extreme Traurigkeit.

Deine Psyche rebelliert gegen dich und du denkst nur noch, dass du in einem falschen Körper gefangen wärst. Wenn es dich dann richtig heftig erwischt, wirst du zu einem Pflegefall, weil du nichts mehr auf die Reihe bekommst. Doch dazu muss es erst gar nicht kommen.

Jede bekannte Form der Depression beruht auf einer Störung des serotonalen und/oder dem noradrenalen Systems. Der Spiegel dieser Neurotransmitter ist entweder zu hoch oder zu niedrig. Auch eine Veränderung der Resorption oder Reizbarkeit der Synapsen kann eine Ursache sein.

Schwere Formen der Depression können durchaus einige Jahre andauern, doch die Krankheit Depression ist auf jeden Fall heilbar. Wichtig ist nur, sich bei den ersten Anzeichen einer Depression einzugestehen, dass man krank ist und den Hausarzt aufzusuchen.

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Lasst uns offen über Depressionen reden

Teresa Enke regte in einem Blogpost der „Robert Enke Stiftung“ an, über Depressionen genauso offen zu reden wie über Krebserkrankungen. Der gesellschaftliche Umgang mit der Tabu-Krankheit Depressionen muss sich ändern. Allein schon deswegen, damit Betroffenen schneller geholfen werden kann. Denn es fällt auch Betroffenen zumeist schwer, eine Depression zu erkennen, denn die Symptome werden gerne übersehen, oder man versucht, dagegen „anzukämpfen“. Doch genau das ist unmöglich.

Wenn jedoch die Krankheit nicht mehr mit dem gesellschaftlichen Stigma belegt ist, würden vielleicht wesentlich mehr Betroffene zum Arzt gehen und sich helfen lassen.

Der erste und wichtigste Schritt ist, dass wir ohne Angst, Scham oder Verzagtheit über die Krankheit reden können. Für Betroffene wäre dies eine erhebliche Erleichterung, denn über einen offenen Umgang mit der Depression können die Erkrankten auch mit Vorurteilen aufräumen. Und müssen nicht mehr zu hören bekommen: „nun reiß dich mal zusammen“!

Guido Westerwelle, der ehemalige Außenminister hat beeindruckend demonstriert, wie selbstverständlich wir heute über eine Krebserkrankung reden können. Vor nur 30 Jahren war auch das noch nicht möglich.

Wir müssen es schaffen, mit Depressionen genauso offen, kompetent und natürlich umzugehen wie Westerwelle mit seiner Krebserkrankung.
– Teresa Enke

Betroffene können nichts dafür, unter der Krankheit zu leiden, treffen kann sie jeden von uns, genauso wie auch Krebs jeden treffen kann.

Offen über Depressionen reden: mein Outing

Auch ich habe Depressionen. Sehr schwere sogar. Doch ich habe sie in den Griff bekommen und lebe wieder ganz normal.

Ja, auch ich bin ein Betroffener und habe Depressionen. Sogar eine extrem schwere Form der Depression, meine Krankheit ging in der Tat bis hin zum Quasi-Pflegefall, denn ich konnte außer Essen nichts mehr selbst. Da ich stets ehrlich mit mir umgehe, ist die Krankheit sehr früh diagnostiziert worden und ich begab mich zügig in ärztliche Behandlung. Man soll nicht meinen, dass die Krankheit damit besiegt ist.

Depressionen können geheilt oder in den Griff bekommen werden. Die Frage ist daher nicht ob, sondern wann sie geheilt oder in den Griff bekommen wird. Manchmal braucht es seine Zeit. Aber keine Angst, irgendwann ist die Krankheit besiegt und du kannst wieder normal am Leben teilnehmen.

Bei mir hat es vier Jahre gedauert, doch jetzt bin ich frei von allen Symptomen. Ich lebe ohne Einschränkungen ein relativ normales Leben und bin fast voll belastbar. Zwei Dinge jedoch sind geblieben: Ich bin recht empfindlich was Lautstärke und viele Menschen auf einem Platz angeht.

Krankenhausbesuche, Tabletten und Therapie

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Die richtigen Tabletten finden

Eigentlich hilft beides, aber nicht immer sofort. Ich habe in den vier Jahren meiner Krankheit viermal einen stationären, zweimonatigen Krankenhausaufenthalt erlebt. Jedes mal ging es mir im Anschluss besser, doch es hat leider nie lange angehalten. Erst der letzte Aufenthalt in Kombination mit neuen Tabletten gab mir mein Leben zurück.

Bei schwerer Depression kommt man nicht um Tabletten herum. Doch das ist nicht schlimm. Problematisch ist nur, dass die Tabletten, die dir wirklich und ohne Nebenwirkungen helfen, erst einmal gefunden werden müssen. Das ist manchmal recht langwierig, doch man sollte die Hoffnung nicht verlieren. Auch für mich gab es die richtigen Tabletten, die mich wieder am Leben vollständig teilnehmen lassen.

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Krankenhausaufenthalte

Ein Aufenthalt im spezialisierten Krankenhaus ist sehr erholsam und kann unterstützend bei der Gesundung helfen. Du musst keinerlei Angst davor haben, es ist überhaupt nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Man kümmert sich dort 24 Stunden am Tag um dich und du findest immer einen Ansprechpartner zum Reden, was sehr erleichternd ist. Ein Krankenhausaufenthalt ist wie ein Urlaub mit „therapeutischem Animationsprogramm“ zu verstehen. Ein Aufenthalt in einer Klinik kann wirklich sehr hilfreich sein.

Auch hier gilt, dass nicht jedes Krankenhaus für jeden geeignet ist, du solltest dich gut informieren. Sehr gute Erfahrungen habe ich mit den Heiligenfeld-Kliniken in Bad Kissingen gemacht.

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Psychotherapie

Unterstützend zu den Tabletten und den Krankenhausaufenthalten sollte immer eine Psychotherapie in Betracht gezogen werden. Die Antidepressiva bekämpfen nur die Auswirkungen der Depression, packen jedoch nicht das Übel an der Wurzel. Das schafft unter anderem eine Therapie. Auch hier gibt es viele Unterschiede. Die normale Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie dürften die bekanntesten Formen sein, beide werden von der Krankenkasse übernommen.

Eine Psychoanalyse ist hierbei sehr langfristig angesetzt und kann durchaus auch einige Jahre dauern. Die Verhaltenstherapie jedoch ist eher eine relativ kurzfristige Geschichte, in der Patient und Therapeut richtig miteinander arbeiten. Diese Art der Therapie ist darauf ausgelegt, aktiv an der Krankheit zu arbeiten und das auch in der Freizeit, denn man bekommt »Hausaufgaben« auf, die es zu erledigen gilt. In der klassischen Psychoanalyse nach Freud versucht man dem Übel durch Gespräche auf den Grund zu kommen und zu verarbeiten. Insbesondere kognitivverhaltenstherapeutische Verfahren haben sich als effektiv bei der Behandlung einer Depression erwiesen.

Ab jetzt: Lasst uns die Vorreiter sein für einen gesunden gesellschaftlichen Umgang

Teresa Enke hat vollkommen recht. Der gesellschaftliche Umgang mit der Krankheit Depression muss sich zügig ändern. Wir Betroffene sollten hierbei die Vorreiter sein und offen unsere Krankheit eingestehen. An Depressionen erkrankte Menschen müssen darüber reden, mit jeder Person reden, die sich dafür bereit erklärt, zuzuhören. Wir müssen darüber schreiben. Denn damit machen wir anderen Betroffenen Mut und sorgen letztendlich für eine andere Perspektive der Gesellschaft auf die Krankheit. Wir müssen ohne Angst, Scham oder Verzagtheit über die Krankheit reden können und das auch tun. Denn erst dann werden Depressionen in der Gesellschaft genauso wahrgenommen wie eine Krebserkrankung.

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Über den Autor
Andreas HechtHerausgeber und Redakteur

geboren 1968 in Bremen. Er gründete im Juli 2015 zusammen mit Nicole Hahn die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion. Journalistische Arbeit u.a. bei "Dr. Web Magazin", "NEOPresse" und "Huffington Post", nebenbei Autor mehrerer E-Books zu den Themen Lebenshilfe, Marketing und WordPress.

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