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Meinung Grexit-Krimi zum Dritten

Hat Tsipras sich verzockt oder ist Europa so unsozial geworden?

Griechenland-Krise: Tsipras Brief düpiert erneut die Geldgeber

© FrangiscoDer CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons

Welche Vorgehensweise würde Griechenland wirklich helfen? Wissen die Damen und Herren in Brüssel was sie tun? Wieviele Akte wird dieses griechische Drama noch haben? Lasst uns nicht vergessen, dass hinter dem ganzen Finanzdrama Menschen mit Ängsten und Existenznöten stehen!

Das Drama spitzt sich zu!

Gestern bewies das griechische Volk in einer Athener Demonstration, dass sie zu Europa stehen und der Schachzug von Alexis Tsipras – bezüglich des Referendums und entgegen seiner Annahme – wahrscheinlich nach hinten losgehen wird. Kaum geschehen rudert er wieder zurück, seine Macht schwinden sehend, und bietet eine neue Zwei-Jahres-Variante eines x-ten Planes zur Schuldentilgung der Troika – IWF, EZB und EU-Finanzministerkonferenz – an.

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Eigentlich sollte man meinen, dass die griechische Bevölkerung kein Versuchskaninchen ist, oder anders ausgedrückt: Zur Machterhaltung sollte ein Ministerpräsident eines so gebeutelten Landes wie Griechenland, die Ängste und Existenznöte seiner Volksgenossen wie Figuren eines Schachbretts über Wochen und Monate hin und her schiebend, nicht länger pokern. Anders ausgedrückt: Alexis, es ist jetzt nicht die richtige Zeit für Sirtaki und Ouzo!

Die Griechen schenkten ihm ihr Vertrauen und wollten endlich ihre alten Pasok-Korruptionsträger abwählen. Doch was erhielten sie für Ihre kostbaren Wählerstimmen? Das Resumee ziehen wir dann am Ende von Tsipras‘ Amtszeit.

SPIEGEL-Online titelt heute „Die Stunde Null“, aber sind die Griechen denn schon soweit? Die griechischen Banken hängen noch am Not-Tropf der EZB, um das totale Chaos und Anarchie in dem Land, in dem die Wiege der Demokratie steht, zu verhindern. Der IWF hält still. Haben nicht viele von uns schon einmal eine Kreditrate nicht pünktlich zurückgezahlt und wurde ihnen dann nicht auch Zahlungsaufschub gewährt? Was für einzelne Bürger gilt sollte doch wohl erst recht für einen Staat gelten, oder?

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Kürzlich meldete sich aus dem fernen Amerika auch der amtierende USA-Präsident, Barack Obama, zu Wort und mahnte, dass Griechenland ein Nato-Land sei, welches man nicht so fallen lassen könne. Wenn schon nicht aus humanitären Gründen an Hellas gedacht wird, dann wenigstens aus militärischen. Welch ein Hohn!

Viele Fachkompetenzen gaben ihre Statements zum Grexit ab. Pro und Contra halten sich ungefähr die Waage. Eine fachlich fundierte Variante lieferte am 27.06.2015 Frankreichs Star-Ökonom, Thomas Piketty. Er lies sich kürzlich von der ZEIT interviewen und wartete mit einer interessanten Perspektive der Auseinandersetzung zwischen Griechenlands Führungsspitze und der konservativen Troika auf.

Piketty erinnerte in diesem Interview ebenso daran, dass auch Deutschland, sowohl nach dem Ersten als auch nach dem Zweiten Weltkrieg, jeweils einen Schuldenschnitt von den Westalliierten“geschenkt“ bekam; anderenfalls hätten wir Deutschen nicht die Möglichkeit gehabt uns von den Folgen der Vergangenheit so gut zu erholen. Leider vergessen wir bei all der Berichterstattung über den möglichen Grexit immer wieder, dass es den Menschen in Griechenland derzeit nicht anders geht.

Der Starökonom Thomas Piketty fordert eine große Schuldenkonferenz. Gerade Deutschland dürfe den Griechen Hilfe nicht verweigern Interview: Georg Blume
Seit seinem Bucherfolg „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ zählt der Franzose Thomas Piketty zu den einflussreichsten Ökonomen der Welt. Seine Thesen zur Verteilung von Einkommen und Vermögen lösten im vergangenen Jahr eine weltweite Diskussion aus. Im ZEIT-Gespräch mischt er sich nun auch entschieden in die europäische Schuldendebatte ein.

 

Ob dieser Schuldenschnitt, den Marxistin Sahra Wagenknecht (Die Linke) in der taz.de auch fordert, nun die alles heilende Lösung sein wird? Sicherlich nicht, denn ohne Reformen und eine komplette Neu-Strukturierung wird Griechenland nicht herumkommen.

 

http://gty.im/482262081

Meine Motivation, diesen Artikel zu schreiben, ist die griechische Bevölkerung. Durch persönliche Kontakte in Deutschland und mehrere Reisen in dieses wunderschöne Land, deren Einwohner mir immer herzlich und gastfreundlich begegneten. Ich weiß aus zuverlässigen Quellen, dass viele Menschen aus Angst vor der Zukunft haben, die in Deutschland oder anderswo lebende Verwandte haben, ihre Heimat mit Sack und Pack verlassen. Jeder Grieche/In ist mir in Deutschland mehr als herzlich willkommen, aber darf es sein, dass die Hellenen/Innen wie syrische Kriegsflüchtlinge ihr sinkendes Schiff verlassen

Ist es das, was Sie wollten, Herr Tsipras?

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Über den Autor
Nicole HahnHerausgeberin und Redakteurin

wurde 1962 in Hamburg geboren. Sie gründete im Juli 2015 zusammen mit Andreas Hecht die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion.

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