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Literatur Buchrezension

Aufzeichnungen aus der Hölle. So überlebte ich den Holocaust

Willy Lermer: Aufzeichnungen aus der Hölle

© Williy Lermer

Der polnische Holocaust-Überlebende und Zeitzeuge Willy Lermer berichtet sehr bewegend über seine Zeit als Insasse der Konzentrationslager Plaszow, Auschwitz-Birkenau, Dachau und Sachsenhausen. Eindringlich und emotional vermittelt Willy Lermer dem Leser seine Zeit in den Konzentrationslagern. Seine Ängste und Qualen, die er dort erlebte, reißen den Leser mit. Faszinierend ist die Tatsache, dass er sich trotz allem noch zum Durchhalten und Überleben motivieren konnte.

1945 erlebte er im Konzentrationslager Dachau mehr tot als lebendig die Befreiung durch die US-Amerikaner. Fünf Jahre später emigrierte Willy Lermer nach Australien. Zu diesem Zeitpunkt endeten seine Aufzeichnungen.

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KZ Dachau: Blick auf die Lagerbaracken, einige Tage nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee

KZ Dachau: Blick auf die Lagerbaracken, einige Tage nach der Befreiung des Lagers durch die US-Armee

Selten gibt es Bücher, die das Grauen, die Verzweiflung und die Angst der Insassen in einem KZ so gut und eindringlich beschreiben können. Gerade im 21. Jahrhundert ist eine Vermittlung des Holocausts und der Geschichte des Dritten Reichs an junge Menschen eine große Herausforderung. Berichte von Zeitzeugen nehmen daher einen besonders hohen Stellenwert ein, weil sie durch Authentizität und Unmittelbarkeit einen besonderen Stellenwert einnehmen.

Mit dem Hintergrund der neuesten fremdenfeindlichen Aktionen der Neonazis wird deutlich, welche Verantwortung wir und die nachkommenden Generationen für die Gestaltung einer demokratischen Zukunft ohne Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus haben. Niemals wieder darf es zu solchen Zuständen in Deutschland kommen, niemals wieder dürfen Minderheiten so gnadenlos verfolgt und in ihrem Leben bedroht sein.

Aus dem Inhalt

Mit einfachen Worten, und genau darum so eindrucksvoll, beschreibt Willy Lermer, dass aus ihm im KZ Dachau ein „Muselmann“ geworden sei, sein Körper nur noch Haut und Knochen war und er ständig unter bohrendem Hunger litt. Ständig träumte er von reich gedeckten Tischen voller Brot, Butter, Sardinen, Eiern und feinem Filterkaffee, dessen Duft er manches Mal zu riechen glaubte. Sich sattessen zu wollen und können blieb ein ständig präsenter Traum. Doch die Rationen von Brot, die an die Häftlinge ausgeteilt wurden, wurden immer kleiner. Ein Laib Brot musste zwischen 12 Männern aufgeteilt werden – zu gleichen Portionen.

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Die Schilderung Lermers, dass der Hunger immer stärker und präsenter wurde, lässt tief mitfühlen. Zuletzt wurde fast alles gegessen, sogar Grashalme und Kräuter, aus denen dann Wassersuppe gekocht wurde. Wer wirkliches Glück hatte, fand einige Kohlblätter oder Kartoffelschalen. Erschreckend ist, auf wie viele Arten die Nazis die Juden töteten. In Dachau bevorzugte man die Tötung durch schwerste Zwangsarbeit in Kombination mit dem Hungertod, denn Dachau war kein Vernichtungslager. Eine Gaskammer war jedoch vorhanden und wurde auch – jedoch nur wenig – genutzt.

Was der Hunger aus einem Menschen machen kann, beschreibt eine Anekdote Lermers sehr genau. Die SS tötete eines Tages einen ihrer Hunde und ordneten an, dass der Hund auf dem Lagergelände vergraben werden sollte, denn „Hunde sollen bei den Hunden“ sein, womit die Juden gemeint waren. Der Hund wurde also begraben, doch in der Nacht grub man ihn wieder aus. Lermer stand Schmiere und bekam deshalb einen Knochen mit Fleisch daran zur „Belohnung“.

Ich versteckte den Knochen bis zum nächsten Abend.
Dann füllte ich Schnee in meinen 3-Liter-Topf, nahm etwas Streusalz vom Boden und wartete, bis ich alles auf unserem Herd kochen konnte. Endlich war es soweit: Ich nahm den Knochen, mein Stück Brot und ein kleines Stück Käse von der Abendration und rührte alles in den Topf. Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie eine so gute Suppe gegessen.

Zum Ende des Jahres 1944 wurden weitere Juden aus Ungarn in das Lager Dachau gebracht. Diese hatten zuvor nur kurze Zeit in einem Lager verbracht, daher konnten Sie sich nicht an die knallharten Lebensbedingungen in Dachau gewöhnen. Nicht an die Kälte, nicht an das sehr wenige Essen und nicht an die harte Arbeit. Die meisten wurden daher krank und starben. Niemand nahm großartig Notiz davon, denn der Tod war der ständige Begleiter der Insassen. Jeder musste selbst zusehen, wo er blieb.

Rezension

Willy (Yitzhak Zev – sein hebräischer Name) Lermer wurde 1923 in Krakau geboren und erlebte die Anfangszeit des Krieges in Polen. Seiner Meinung nach würde der Krieg schnell vorbei sein, doch dann erlebte er immer weitere Schikanen. Die Juden in Krakau werden immer mehr sinnlosen und menschenverachtenden Gesetzen unterworfen. Bald darauf müssen die Juden harte Zwangsarbeit verrichten und bekommen als „Dank“ nur Schläge und weitere Demütigungen. Oftmals musste er sich in lebensgefährliche Situationen begeben um etwas Brot zu ergattern.

Insgesamt überlebt er vier Konzentrationslager, unter anderem das berüchtigte Lager Plaszow, dessen Kommandant Amon Göth jeden Tag Insassen mit einem Präzisionsgewehr erschoss. Dieses KZ Plaszow erlangte traurige Berühmtheit durch die Steven Spielberg-Verfilmung von Schindlers Liste. Auch das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebte Willy Lermer, dessen Leben aufwühlend und beeindruckend zugleich ist. Immer wieder hatte er riesiges Glück und entkam der Todesmaschinerie der Nationalsozialisten.

Dennoch ist er nicht verbittert, sondern arbeitet heute in einem jüdischen Gedenkmuseum um jungen Leuten zu zeigen, was Hass aus einem Menschen machen kann.

Ich bin natürlich auch kein Zeitzeuge, sondern erlebte die Schrecken des Holocaust stets nur aus Büchern und dem Fernsehen. Oftmals ist das Geschehen in diesen Medien so weit weg und nicht greifbar. Es kommt nicht an den Menschen heran, der darüber liest und sich die Dokumentationen anschaut. Doch in der Art wie Willy Lermer über Auschwitz und Dachau schreibt, so bekommen die namenlosen Reportagen im Fernsehen auch ein Gesicht.

Ich kann dieses Buch rückhaltlos empfehlen und kann es mir sehr gut als Unterrichtsmaterial in Schulen vorstellen.

Empfehlungen:

Neben dem aufrüttelnden Buch von Ralph Giordano (Erinnerungen eines Davongekommenen), ist dieses Buch ein weiteres zu diesem Thema, welches ich als sehr lesenswert empfinde.

Willy Lermer: Aufzeichnungen aus der Hölle. So überlebte ich den Holocaust (eBook)

Videos zum Thema:

Video: Willy Lermers Rede als Holocoust-Überlebender für das Eyewitness Project vom Jewish Holocaust Centre in Melbourne Australien.

Video: KZ-Dachau in der Kurzdoku – In diesem KZ wurde Willy Lermer von den Amerikanern befreit.

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Über den Autor
Andreas HechtHerausgeber und Redakteur

geboren 1968 in Bremen. Er gründete im Juli 2015 zusammen mit Nicole Hahn die Democratic Post und ist Mitglied der Redaktion. Journalistische Arbeit u.a. bei „Dr. Web Magazin„, „NEOPresse“ und „Huffington Post„, nebenbei Autor mehrerer E-Books zu den Themen Lebenshilfe, Marketing und WordPress.

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